
Gedankenfreiheit
Demokratie braucht Veränderung
Während meiner Ausstellung „Schönheit – Vielfalt – Demokratie“ in der kleinen Gemeinde Neuenklitsche in Sachsen-Anhalt habe ich den Raum eines Künstlergesprächs genutzt, um einer kleinen Gruppe Anwesender auf Augenhöhe zu begegnen.
Den Einstieg in das Thema Demokratie eröffnete ich mit einer einfachen aber tiefgehenden Fragestellung:
„An welche Momente in eurem Leben erinnert ihr euch, in denen ihr euch demokratisch eingebunden und selbstwirksam empfunden habt – oder vielleicht auch gerade nicht?“

Um dieser Frage nachzuspüren und ganz für sich selbst zu beantworten, gab ich uns drei Minuten Stille. Dann sind wir leise tastend und ehrlich ins Gespräch gekommen. Im Herbst ’89 auf dem Alexanderplatz, bei den großen Demonstrationen, die die Zeit der friedlichen Revolution einleiteten, fühlte sich ein Gesprächsmitwirkender inmitten eines demokratischen Prozesses – in einer Aufbruchstimmung, mit dem Gefühl, wirklich etwas bewegen zu können. Doch heute, so fügte er mit leiser Resignation hinzu, fühle er sich eher ohnmächtig, wirkungslos gegenüber politischen Entscheidungen und den allgemeinen „Verdrehungen“. Ein anderer Beteiligter würdigte die freie, demokratische Gesellschaft, gab jedoch zu bedenken, dass auch die Demokratie selbst immer wieder Veränderung braucht.
Diese Worte erinnerten mich an mein eigenes Leben – an die letzte große Schaffenskrise, die ich wahrnahm, mich ihr jedoch nicht stellte, weil ich die Wahrheit fürchtete. Angst davor, aufzuhören, weil es noch nichts Neues gab – viel Ungewissheit und Zukunftslosigkeit. Doch ich musste hindurch gehen, und erst in dieser Krise begann sich etwas zu wandeln. Mit der Veränderung kam allerdings auch die Unsicherheit: Was wird am Ende bleiben? Werde ich weiterhin als Künstlerin tätig sein? Werde ich vorwiegend mit Workshops mein Geld verdienen müssen? Werden die Ausstellungen dann nur noch „schmückendes“ Beiwerk sein? Es waren existentielle Fragen, die sich mir stellten. Doch in dem Moment, da ich mich auf den Weg machte, begannen sich die Dinge zu fügen. Es war nicht leicht, alles loszulassen, nichts zu tun, zu empfangen. Aber nach und nach sortierte es sich wie von selbst – manches kam näher an mich heran, anderes wich zurück oder verschwand.
Im Rückblick denke ich: Beständigkeit liegt vielleicht genau darin, dass alles im Fluss ist. Dass wir uns getragen wissen von einem unsichtbaren Netz, das uns miteinander verbindet und Vertrauen schenkt. Vielleicht ist es das, was die Zeit heute von uns Menschen fordert: Verbindung und Vertrauen zu schaffen, denn das stärkt das Miteinander und die Gemeinschaft, damit wir gelassen gemeinsam durch die Krisen navigieren können.
Das Gespräch kann dabei ein Schlüssel sein. Darauf möchte ich nun wieder zurückkommen.
Ein zentrales Moment gesellschaftlicher Prozesse ist die kritische Betrachtung der Zusammenhänge und Strukturen. So richtete ich den Blick in einer zweiten Gesprächsrunde auf eines meiner Exponate, „Waldleuchten“. Ich stellte die Frage: „Was können wir vom Wald und von den Bäumen für unser Zusammenleben lernen?“ Zunächst wurden Erinnerungen und Beobachtungen geteilt: Spaziergänge, das Wohlgefühl in der Natur, das Staunen über das Zusammenspiel von Tierwelt, Pflanzen und Licht. Wie jede noch so kleine Nische belebt ist, wie alles mit allem verbunden scheint. Im Laufe des Gesprächs kamen wir auf Peter Wohllebens Buch „Das geheime Leben der Bäume“ zu sprechen und erkannten: Bäume leben in Gemeinschaft. Selbst wenn sie verkümmert oder klein wirken, haben sie ihren Platz, ihre Funktion. Es gibt keine Nutzlosigkeit im Wald. Ein abgestorbener Baum wird von seinen Nachbarn weiter versorgt – eine stille Geste des Lebenskreislaufs.
Frederic Laloux (Reinventing Organisations) zieht einen Vergleich zwischen dem Wald als lebendigem Ökosystem und von Menschen geschaffenen Systemen wie der Demokratie. Er fragt, wie der Wald Entscheidungen trifft, und stellt fest: Wenn ein Schädling erkannt wird, sendet der Baum, der ihn zuerst bemerkt, Signale an die umliegenden Nachbarn. Doch es gibt keinen „Chefbaum“, der die Richtung vorgibt. Das System regelt sich selbst – durch Wahrnehmung, Kommunikation, Kooperation. Vielleicht liegt genau hier eine Lehre: Wir können von der Natur lernen, indem wir beobachten, reflektieren und erkennen. Der Wald kann uns als Spiegel dienen – ein lebendiges System, das uns zeigt, wie Wandel gelingt. Wenn wir uns an ihm orientieren, können wir starre Strukturen in bewegliche verwandeln, die reflektieren, sich hinterfragen und aus Erkenntnis neue Impulse schöpfen.
Zum Abschluss fragte ich die Gesprächsteilnehmer*innen: „Was nehmt ihr heute aus dem Gespräch für euch mit? Was ist eure Essenz? Und wie könnte ein neues, zukünftiges Bild aussehen, das in diesem Sinne Handlung ermöglicht?“ Dieser letzte Gesprächsteil berührte mich besonders, denn ich spürte, dass Bedürfnisse erkannt wurden, die schon länger unter der Oberfläche schlummerten und nun endlich ausgesprochen werden konnten. Ein Mitwirkender sprach offen darüber, dass er sich gerne wieder mehr Zeit für das Gespräch in der Familie wünscht – regelmäßig. Denn seit einiger Zeit herrsche Stillschweigen zwischen seiner Frau und einem ihrer erwachsenen Kinder. Eine schmerzliche, schwer zu ertragende Situation – und doch eine, die vielen vertraut ist.
Dazu kam der Wunsch auf, auch dem Nachbarn zu begegnen, mit dem man sich schwer tut, wieder ein Wort zu wechseln – also auch dort Verbindung aufzubauen und zu integrieren. Andere hielten sich zurück, aber auch hier konnte ich direkt spüren, dass etwas in ihnen angerührt wurde und etwas in Bewegung kam. Vielleicht ergibt sich ja eine Gelegenheit, wiederzukommen und das Gespräch fortzusetzen. Manchmal ist es einfach nur der Umstand, dass etwas unbewusst ist oder der Alltag ein nahes Gespräch nicht zulässt.
Mal sehen, welches Kunstwerk dann Inspiration schenkt.
Auf jeden Fall war dieser kleine Miniaturprozess für mich sehr gewinnbringend – auf meinem künstlerischen Weg – hin zu einer Kunst, die nicht nur zeigt, sondern verbindet. Kunst, die zwischenmenschliches Sein zulässt, die Gemeinschaft stiftet und die Menschen dort abholt, wo sie gerade stehen.
Vielen Dank an dieser Stelle allen Beteiligten für ihre Offenheit, das Vertrauen und den gemeinsamen Moment.

Der erste Friede

„Der erste Friede, der wichtigste, ist der, welcher in die Seele des Menschen einzieht; wenn die Menschen ihre Verwandtschaft, ihre Harmonie mit dem Universum einsehen, und wissen, dass im Mittelpunkt der Welt das große Geheimnis wohnt. Und dass diese Mitte tatsächlich überall ist; sie ist in jedem von uns. Dies ist der wirkliche Friede. Alle anderen sind lediglich Spiegelungen davon. Der zweite Friede ist der, welcher zwischen einzelnen geschlossen wird. Und der dritte ist der zwischen Völkern. Doch vor allem sollt ihr sehen, dass es nie Frieden zwischen Völkern geben kann, wenn nicht der erste Friede vorhanden ist, welcher innerhalb der Seele wohnt.“
Altes Navajo-Gedicht
