Vom kleinen unverhofften Glück
Das kleine unverhoffte Glück liegt für mich in ganz alltäglichen Dingen, an denen ich mich erfreue, wenn ich aufmerksam durch die Welt gehe. Das sind vor allem kleine, fast beiläufige Naturerscheinungen, das besondere Licht, zum Beispiel, wenn Sonnenstrahlen durch die zahlreichen Blätter eines Astes fließen, die Blätter sich überlagern und verschiedene Grün- und Schattentöne bilden und durch leichten Windhauch flirren und Lichtfluten durch entstehende Lichtlöcher brechen.
Es sind aber auch die kleinen Zeichen, die Ja-sagen: wenn zwei Herbstblätter so schön nebeneinander auf dem Boden zu liegen kamen, dass sie sich berühren oder zwei Blumen nebeneinander wachsen und zusammenstehen. In diesen Bildern finde ich die Bedeutungen wieder, die für mich in meinem Leben von Wichtigkeit sind, Freundschaft, Liebe, Nähe, Geborgenheit, Einfachheit, Freude und Leichtigkeit.
Manchmal sind es auch stille Stimmungen, wie das tief stehende Wintersonnenlicht, welches auf frischen Schnee trifft: es lässt die Umgebung golden erscheinen und das leichte farbenfrohe Schneeglitzern erinnert an morgendlichen Raureif im Spätherbst. Es braucht Aufmerksamkeit, im Sinne von bewusstem Sehen, um die Umgebung in ihrer einfachen Schönheit wahrzunehmen. Dabei zählt, sich bestimmt vom Alltag loszulösen und sei es nur für eine Minute. mal einen anderen Weg einzuschlagen, um dem Unvorhersehbarem zu begegnen. Das ist kleines, unverhofftes Glück, ganz groß.



Rabindranat Tagore beschreibt es so (1928):
„Ich bereiste die ganze Erde, um die Flüsse und Berge zu sehen, und ich gab viel Geld aus. Ich unternahm große Anstrengungen. Ich sah alles, aber ich vergaß, gleich vor meinem Haus einen Tautropfen auf einem kleinen Grashalm zu sehen, einen Tautropfen, der in seiner Konvexität die ganze Welt um dich herum spiegelt.“
Im Kleinen das Ganze zu sehen und damit dem Kleinen einen vollen Wert beizumessen, das macht glücklich.





