Impuls

Ich durchblättere ein leeres Skizzenbuch: leere Seiten, eine nach der anderen, naturweißes Papier. Es braucht ein wenig, bis ich registriere, was ich sonst nicht wahrnehme, wenn ich ein Buch lese, weil ich Verbindungen knüpfe zwischen Buchstaben, Wörtern und Sätzen. Graue Schatten umgeben meine Finger, die damit beschäftigt sind, eine Seite umzublättern. Dann zeigt sich der Schatten dieser Seite auf der nachfolgenden – ein scharfer Schatten, der weicher wird, je mehr sie sich aufstellt.

Mein Blättern wird langsamer. Ich beginne zu hören, wie meine Finger am Blockschnitt entlangfahren und die Geräusche wahrzunehmen, wenn sie die nächste Seite anheben. Nach dem Umschlagen fallen meine Fingerkuppen sachte auf das Papier. Meine Sinnlichkeit wird angeregt. Ich fühle die leicht raue Oberfläche, fahre mit meinen Fingern eine Linie auf dem Papier, lande mit den Augen im Tal des Bindungsfalzes und ziehe weiter mit dem Zeigefinger über kleine Erhebungen an den Einstichstellen und über die feine Fadenspur …

Seite für Seite: leere, unbeschriebene Blätter. Es ist eine Übung in Stille und Langsamkeit, in Achtsamkeit und gleichzeitig im synästhetischen Wahrnehmen. Weiter blättere ich, Seite für Seite … Dann tauchen langsam Bilder auf, schwarz-weiße, mit geschwungen geschnittenen, weißen Fotorahmen. Es sind innere Bilder, wie Landschaften tauche sie auf den Seiten auf. Und sie erinnern mich …

Vielleicht kennst du das auch: dass etwas in dir lebendig wird, wenn du dir Zeit nimmst, ohne Zweck und ohne Ziel. Wenn du das nächste Mal eine Frage hast oder etwas in dir nach Antwort ruft, öffne vielleicht ein leeres Skizzenheft. Lausche. Blättere. Und schau, was sich zeigt. Manchmal sprechen die Seiten, auch wenn sie leer sind.

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