Schöpferische Zerstörung oder über die Relevanz des Kunstmachens für gesellschaftliche Prozesse

Kreisläufe sind Teil des Lebens. Darüber ließe sich so viel erzählen. Seit ich in der Grundschule das erste Mal vom Kreislauf des Wassers hörte, interessieren mich zyklische Prozesse. Ob es das Kompostieren ist, das Färben mit Pflanzen, wie den Zwiebelschalen oder Walnussblättern, mich fasziniert das Beobachten und mit den Jahreszeiten, zum Beispiel auch Teil dieser Prozesse zu sein.

Ein Symbol oder Zeichen für das Prozesshafte ist die liegende Acht. Es ist ein Sinnbild für den weiblichen Zyklus, oder auch den Mondzyklus, des Zunehmens und Abnehmens, auch der schöpferische Zyklus, der Weg über das Außen in das Innere und weiter vom Inneren ins Außen, kann man sehr gut ablesen oder selbst erfahren. Eine kleine Übung, die ich hin und wieder mal mache, kann hier neue Erkenntnisse bringen:

Stell dir auf dem Boden in deinem Zimmer oder draußen auf der Erde eine liegende Acht vor. Du kannst sie zunächst auch erst einmal mit einem Finger auf deine Handfläche zeichnen. Gehe den Weg mit dem Zeigefinger von der Mitte unten nach oben rechts, zeichne dann die Schlaufe nach unten nach, dann ziehst du weiter von unten rechts nach links oben. Es folgt die Schlaufe nach unten und dann knüpfst du wieder an den Anfang an. Zeichne die Acht ruhig ein paar Mal mit deinem Finger nach, dass du sicher wirst. Nun geht es darum die liegende Acht abzulaufen. Zwei Meter braucht man mindestens. Du gehst den selben Weg, wie mit deinem Finger, nur mit deinem ganzen Körper, ganz langsam und Schritt für Schritt. Bei kleiner Umlaufbahn, setzte einen Fuß nach dem anderen, hast du mehr Raum, kannst Du auch kleine Schritte machen. Interessant wird es, wenn du deinen rechten Arm etwas ausstreckst und die Runde läufst. Fällt dir etwas auf? Der Weg geht von außen nach innen und wieder von innen nach außen. Verfolge diesen Wechsel mal eine Weile und gehe mit deiner Aufmerksamkeit mit. Diese Übung gleicht aus und entspannt, schenkt in einer Form Gewissheit und Sicherheit. Da ich persönlich viel im Innen bin, macht es mich auf eine Art mit dem Außen vertrauter und auch im Alltag, kann ich dem leichter folgen.

Selbst für gesellschaftliche Prozesse ist die liegende Acht Ausgangspunkt der Betrachtungen. Martin Grassberger hat ein Buch darüber geschrieben „Regenerativ“. Er nennt diese Prozesse adaptive Prozesse. Damit meint er die Zyklen des Lebens, die vier Phasen, durch die jeder Mensch im Laufe seines Lebens geht: die Phase des schnellen Wachstums, ist die der Geburt, Entwicklung und des Heranreifens, die Phase der Erhaltung, ist die Plateauphase, die Freisetzungsphase, ist die Zeit des Sterbens, hier wird die Energie unseres Körpers freigesetzt und schließlich entsteht daraus neues Leben, die Phase der Reorganisation. Grassberger beobachtet diese Zyklen in der Natur und beschreibt unser gesellschaftliches Handeln mit diesen adaptiven Prozessen. Er macht aufmerksam auf die Abhängigkeit der sozialen Systeme vom Zustand der Ökosysteme. Zusammen bilden sie ein sozio-ökologisches Geflecht und durchlaufen sowohl Phasen der Stabilität als auch der Instabilität. Ein Teil des gesellschaftlichen Prozesses ist die Erhaltungsphase. Das System scheint vermeintlich stabil zu sein, doch der Erhalt beansprucht Kapital und Ressourcen im Übermaß. Diese Phase ist angezeigt, wenn Gesellschaften, Unternehmen oder auch einzeln Handelnde an einem Punkt den Status Quo mit aller Kraft, mit aller Macht festhalten und bis zur Erschöpfung zu erhalten versuchen. Darauf folgt die Krise, ausgelöst durch einen Schock, in der alles Festgehaltene auseinanderfällt, die „Freisetzungsphase“. Die „Rigiditätsfalle“, (das System wir starr, wenn der Fokus auf maximaler Effizienz gesetzt wird), kann sich nur durch eine Rückwärtsschlaufe, durch regelmäßige „Freisetzungsereignisse“, durch schöpferische Zerstörung selbst erneuern. Damit tritt das System in kreative Selbsterhaltung oder Reorganisation ein und ein Systemschock, der die Freisetzungskrise einleitet, kann abgewendet werden. Aber was hat das alles jetzt mit der Kunst zu tun?

Nun, wie ich mich so mit diesen interessanten und erhellenden Gedanken befasst habe, ist mir aufgegangen, dass verschiedene künstlerische Techniken diesen Teilprozessen zugeordnet werden können. Wenn zum Beispiel ein Bild eines Malers gesättigt ist, er jedoch verpasst aufzuhören, dann wird er versuchen, wieder etwas Luft in sein Werk zu bringen, durch Abtragen oder Aufreißen zum Beispiel. Also habe ich mich gefragt: Wie kann man schöpferische Zerstörung lernen?, wenn diese so wichtig ist, um unser Überleben zu sichern. Also werde ich mich auf den Weg machen Künstler*innen und ihre Techniken kennenzulernen, sie zu verstehen und sie den verschiedenen Phasen des adaptiven Zyklus zuzuordnen. (Hierzu folgen weitere Beiträge!)

Nach oben scrollen