Als ich mit dem Blog-schreiben begann, habe ich mich zunächst von allen Dingen inspirieren lassen. Ich stellte mein Atelier auf den Kopf und kramte Arbeiten heraus, die ich schon lange nicht mehr in den Händen hielt. Dabei fiel mir tatsächlich ein Bild aus dem Kindergarten ein: „die roten Punkte“. Meine Mutter hat meine Sammelmappe von damals lange aufgehoben. (Vielen Dank dafür!) Es ist wirklich wundersam diese alten Bilder wiederzuentdecken. Manche Erinnerung wurde dadurch aufgefrischt.

Als ich jedoch die „Roten Punkte“ herauszog, und auf der Rückseite die Beschriftung durch meine Kindergärtnerin las: Thema: „Viele rote Tomaten“, 2.7.81 (ich war also 4 Jahre alt, :), irritierte mich der Titel, denn meine Erinnerungen waren auf Punkte fixiert. Mein Erwachsenen-ich stellt sich die Frage, was hatte ich als Kind wirklich gemalt? Hat mich die Kindergärtnerin danach befragt oder war es vorgegebenes Thema des Tages: Rote Tomaten? Und stand auf dem Maltisch dann nur rote Malfarbe, in der Erwartung, dass ich auch eine rote Tomate male, oder hätte ich mich auch für grün entscheiden können? Kurz denke ich noch: es könnten auch rote Bälle sein, wenn es denn schon eine Bezeichnung geben muss. Doch nun lassen mich die Roten Punkte nicht mehr los. Mir fallen die roten Bindis ein, die die Menschen in Indien auf der Stirn tragen. Der eine Punkt, von dem aus alles, das Universum entstand, in dem alles enthalten ist und aus dem Vielfalt entsteht. Das Eine steht auch für das Göttliche. Diese Verknüpfung kann nur aus meinem erweiterten Verständnis als Erwachsene entstehen. Und doch frage ich mich, ob eine innere Veranlagung dazu vielleicht schon damals angelegt war – ein Gespür für das Kreisförmige, Ursprüngliche, für das Eine, aus dem Vielfalt entsteht.
Mir kommen einige meiner späteren Arbeiten in den Sinn. Die „Urzelle“ zum Beispiel. Sie besteht aus dem Einen Urgrund und sie teilt sich, das ist ihre Natur. Diese Teilung ist durch die zwei Hälften zu erkennen, und das was sie zusammenhält ist das eine, goldene Zentrum. Und sie ist rot, dunkelrot. Eine weitere Arbeit ist „Das Große und das Kleine“, Mutter und Kind, beide als Spiegel verstanden. Auch hier das kreisrunde Rot. Und zu guter Letzt „Morgenstille am See“, die rot aufgehende Sonne, mit japanischer Anmutung. Rote Punkte spielen eine Rolle in meinem Leben. Vielleicht auch, weil der Punkt so zentrierend und klärend wirkt.



Nun sind 12 Punkte auf meinem Bild zu sehen. Und es sind rote Punkte. Rot ist eine lebendige, kraftvolle Farbe, sie steht für Fruchtbarkeit und Erdverbundenheit und für den Energiefluss. Da ich meine oben beschriebenen Kunstwerke in dieser Traditionslinie einordnen würde, bin ich davon ausgegangen, dass meine Punkte aus den frühen Kindheitsjahren diesen Ursprung hatten.
Diese Gedanken führen mich weiter zu einer konkreteren Fragestellung: Welche Formen und Farben habe ich in meiner Kindheit benutzt, weil sie zu mir gehörten und welche sind mir gezeigt und benannt worden oder folgten einer Erwartungshaltung?
Rückblickend fällt mir auf, wie oft Rot in meinen frühen Kindergartenzeichnungen auftaucht. „Viele rote Tomaten“ (1981), „eine Tomate“, „eine Fahne“ und sogar eine „Arbeiterfahne“ – alles Motive, die der Farbe Rot einen festen Platz gaben. Vielleicht war es reine Lust an einer lebendigen Farbe. – Ich hätte anstelle des Malens ja auch spielen gehen können!? Vielleicht eine kindliche Freude an Kreisen und Punkten. Sicher ist, Rot war auch Teil der Welt, in der ich aufgewachsen bin: In der DDR war es nicht nur eine Farbe, sondern eine mit politischer Bedeutung. Wenn ich mich heute frage: Ob ich lieber meiner inneren kindlichen Vorstellungskraft folgen würde wollen oder den Vorgaben der Bedeutungen durch Erwachsene? Dann würde ich mich zu aller erst für die Erkundung meiner eigenen Welt entscheiden und die Farbe Rot erfahren wollen, wie ich sie wahrnehme, ganz aus meiner Natur heraus und würde lernen eigene Worte zu finden. An der Schnittstelle zur Welt würde ich dann auch anderen Wahrnehmungen begegnen, könnte ihnen mit Freude begegnen, abgleichen mit den meinen, einen Impuls aufnehmen und daraus was neues entstehen lassen.
Es tut gut die Farbe wieder Farbe sein zu lassen, vielleicht beginnt ja dort die Freiheit, die jedem Menschen zusteht.
Abschließend möchte ich nochmal aus pädagogischer Sicht Nachfragen, was macht es mit einem Kind, wenn eine erwachsene Person benennt, was wir angeblich gemalt, gemeint oder gefühlt haben? Was macht es mit unserer Sprache für das Unsichtbare, das Unfertige, das noch keinen Namen hat? Die Frage, die ich mir einem Kind gegenüber stellen kann, ist es eine leise, aber entscheidende Frage:
Begleite ich dieses Kind in seinem Ausdruck, oder gebe ich vor, lenke, leite oder ersetze ich ihn? Und vielleicht dürfen wir diese Frage zunächst auch an uns selbst stellen: Höre ich mir aufrichtig zu? Achte ich meine feinen Nuancen, Stimmungen und Zwischentöne? Gebe ich dem Werden in mir genug Raum und Zeit? Bin ich mir selbst eine gute Begleiterin/ ein guter Begleiter? Erkenne ich, wann ich andere vorschnell interpretiere – und wann ich selbst interpretiert wurde? – wir lernen ja vor allem aus der eigenen Erfahrung.
