Was heißt es eigentlich eine Frau zu sein?

Über Mut, Verletzlichkeit und den eigenen Weg

Wie so vieles im Leben, beginnt diese Reise mit einem Buch. Manchmal brauche ich einfach einen Impuls von außen, wenn ich im Inneren nicht weiterweiß. Auf der Reise zu meinem persönlichen Frau-sein (für mich eine innere Qualität, ein Wachstumsprozess, ein Erinnern an Urinstinkte, Intuition, Würde und Selbstachtung), begleitete mich die Wolfsfrau, von Clarissa Pinkola Estés. Sie verwebt mythologische Märchen und Geschichten mit innerem Reifen, mit dem Seelengewebe und den Urinstinkten der Frau. Dabei erzählt sie von weiblichen Archetypen, ihren krankhaften Zügen und der Heilung. Dieses Buch ist von all meinen Büchern, das beständigste. Ich schaue immer mal wieder rein, wenn ich eine Lebensfrage zu bewältigen habe. Da das Buch den Zyklus der Frau abbildet – vom jungen Mädchen bis zur weisen Alten – ist auch immer ein kleines Heilmittel zu finden. Und manchmal tut es einfach nur gut ein Märchen zu lesen, auch nach dem dritten, vierten oder fünften Mal. Denn es hält oft mehr bereit, als wir erahnen.

Das Märchen vom bösen Grafen Blaubart war mein Einstieg, und es hat mich getroffen. Nur durch das Lesen und Nachwirken lassen, bin ich mir meinen persönlichen Blaubärten im Leben bewusst geworden – einer nach dem anderen. Blaubart ist für mich ein Symbol für destruktive Kräfte – im Außen wie im Inneren, für die Stimmen oder Menschen, die uns klein halten, unsere Würde rauben oder uns von unserer Intuition trennen. Und das tat weh. Es tut weh zu erkennen, dass ich mir selbst nicht traute und meiner Intuition, mich selbst verraten, meine Selbstachtung verloren habe, registrieren musste, wie ich mir selbst manche Umstände immer wieder schönredete oder einfach nur feststellte, wie unachtsam ich mir selbst gegenüber war. Manchmal waren es aber einfach nur unglückliche Umstände. Wie konnte das nur geschehen?


Leider sind wir alle mehr oder weniger geprägt durch Manipulation, Missgunst, verbale, psychische oder physische Gewalt und werden gezwungen gesellschaftliche Rollen einzunehmen, die uns nicht guttun, zum Beispiel, die des artigen Mädchens, die uns das Nein-sagen abtrainieren. (Anmerkung: betrifft Menschen aller Geschlechtsidentitäten) Wir vererben diese Muster von einer Generation auf die nächste und das Bewusstwerden geschieht so langsam, dass es manchmal aussichtslos erscheint: zu schwer, zu kräftezehrend, um sich damit auseinander zu setzen. Aber genau darin liegt die Stärke, die wir gewinnen können.


Es bedeutet, hinzusehen, hinsehen zu wollen; in sich hineinzuhören, hineinhören zu wollen; zu erkennen und erkennen zu wollen – um dann Nein zu sagen und ins Handeln zu kommen. Eine lange Kette von Herausforderungen, die an manchen Punkten im Leben unüberwindbar erscheinen. Sich die eigenen Wunden anzusehen, den Schmerz zu fühlen, die eigene Verletzlichkeit anzunehmen und die eigentlichen Bedürfnisse zu erkennen, braucht Mut. Was wir lernen, ist still zu bleiben und uns selbst zu verleugnen. Doch was wir bekommen, wenn wir uns endlich uns selbst zu wenden, ist so unendlich wertvoll! Dafür muss man förmlich sterben, muss in die tiefsten Tiefen gehen, um wiedergeboren zu werden. Es ist Lebendigkeit, innerer Reichtum, es ist Tanzen, es ist Lust, Liebe, Vertrauen, Verbindung und vor allem eines: Selbstachtung. Und sie ist dann nicht mehr zu nehmen. Sie stärkt gegen jede Form der Manipulation. Das ist das Rückgrat, das ist mentale Standhaftigkeit – damit können wir Verantwortung übernehmen, selbstwirksam sein.


Neben dem Lesen und verstehen der Märchen und psychologischen Hintergründe hat mir die kreative Auseinandersetzung mit meinen Gefühlen und inneren Zuständen geholfen. In den kreativen Fluss zu steigen, die Verschmutzung aufzulösen, Gleichgesinnte zu finden, den Narbenclan, (Frauen, die ihre Wunden kennen, teilen und dadurch gemeinsam Heilung finden), wie Estés in einem ihrer Märchen erzählt…, diesen Prozess möchte ich beispielhaft mit drei Arbeiten abbilden. Verschmutzungen, zähflüssiges Fließen im übertragenen Sinn sind dysfunktionale, toxische Beziehungen, Umstände, denen ich mich unterordnete, ohne meine Grenzen zu achten. Sich davon frei zu machen, sich zu lösen, ist sicher eine der großen Aufgaben im Leben, wenn nicht sogar die größte. Und dann: die Kraft, das Gefühl von Lebendigkeit im Fluss des Lebens.

Am Ende bleibt die Erkenntnis und Weisheit und wie Estés weiß, das Dritte Auge, welches alles durchschaut.

Ich teile diesen Weg, weil ich glaube, dass wir nicht durch fertige Antworten heilen, sondern durch Geschichten, durch Bilder und durch die langsame Erkenntnis, dass das Leben selbst uns die Aufgaben und ihre Lösungen zeigt.

Zerfall

„… alles was nicht Glück, was nicht Himmel ist, stellt nur eine Täuschung dar, die an irgendeinem Punkt zerfällt. “ Chuck Spezzano

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