Wie ich lernte innere Stille durch äußere Rahmung und Tätigkeiten zu erfahren
Mein zweites eindringliches Erleben von Stille, führte mich während meines neunmonatigen Aufenthaltes in Indien, im Anschluss an meinen Freiwilligendienst in Kalkutta, in den kleinen Ort Pavnar, nahe Wardha nach Zentralindien. Auf den Spuren Gandhis und der Unabhängigkeitsbewegung entschied ich mich vier Wochen im Frauenashram, den sein Wegbereiter und Satyagrahi Vinoba Bhave gründete, zu verbringen.
Auf dem Weg zwischen Mumbai/Bombay, dem Ort meiner Ankunft und Colcatta/Kalkutta, meinem Einsatzort lagen 31 Stunden Zugfahrt und knapp 2000 km Strecke, in Zügen mit vergitterten Fenstern und herunterklappbaren taubenblauen (kunst)ledergepolsterten schmalen Liegen für die Nacht. Auf knapp halber Strecke in etwa, 800 km von Bombay und 11 Stunden Zugfahrt, hielt der Zug in Wardha. Von dort aus fuhr ich mit einer motorisierten Riksha ins 9 km entfernte Pavnar.
Ein Ashram ist eine spirituelle Lebensgemeinschaft von Menschen, die in einem klosterähnlichen Meditationszentrum zusammen leben, sich zum Teil selbstversorgen, bespielsweise mit Gemüseanbau, und der Verarbeitung von Baumwolle, speziell spinnen, weben und nähen. Für mich wurde diese Frauengemeinschaft zur Alltagserfahrung. Und damit hat die Stille erneut Einzug in meinen Alltag erfahren. Die Offene Stimmung, die spürbare Präsenz Gandhis oder Vinoba’s, der in Pavnar verstorben und begraben ist, beschrieb ich so: Es war so eine unglaubliche Präsenz zu spüren, dass ich glaubte, er einfach nur gerade nicht hier anwesend sein, als sei er verreist. Diese wundersame Erfahrung hat mich noch viele Jahre beschäftigt. Doch es sollte die Regelmäßigkeit im Alltag sein, die mich auf eine besondere Reise mitnahm. Drei täglich gesungene Gebete in Sanskrit und anderen Sprachen (bis dahin kannte ich nur das gesprochen, rezitierte Gebet), währenddessen Baumwolle mit der Hand gesponnen wurde, haben mich immer wieder zu tiefst beeindruckt. Die Tradition, die Sinnhaftigkeit, der Glaube an das einfache Leben, die interreligiösen Gesänge, die auch mir als Nichtgläubige Raum ließen. Die langsame Version von Nam-Myoho-Renge-Kyo, einem buddhistischen Gesang. mochte ich am liebsten. Zum Beginn der Mahlzeiten wurden Gebete gesungen, die ich auch heute noch in mir trage! Damals waren es einfach nur Lieder für mich…. Der Tag war aufgeteilt in Yogaeinheiten, in Studierzeiten, Mittagsruhe, kochen oder Gartenarbeit. In diesen Zeiten habe ich das Baumwollspinnen gelernt, im Garten und der Küche mitgeholfen, Chapatis ausgerollt, die kleinen runden Fladenbrote oder händisch, kleinste Steinchen aus dem Linsenvorrat sortiert. Ich half die großen Gemeinschaftstöpfe mit Asche auszuwaschen, das Geschirr, wusch jede für sich selbst ab. Gekocht wurde auf Methangas, das in der eigenen kleinen Biogasanlage bereitet wurde. Ein sehr interessantes Ökosystem, wie ich fand, sehr zeitgemäß. Doch am allermeisten, und nachhaltigsten hat mich die Stillestunde bewegt. Am Abend 20 – 21 Uhr, gab es auf dem ganzen Gelände eine Stillezeit. Keine Telefonanrufe, kein Reden, die Arbeit war niedergelegt. In Pavnar habe ich die tägliche Gehmeditation, das stille Schreiten für mich entdeckt, so würde ich es im Nachhinein beschreiben, es war ein Schreiten auf den Wegen des Ashrams, ein begegnen in Stille, der Stille der Natur und der Umgebung, der Begegnung mit mir selbst in der Stille.
Die Tagesstruktur gab Halt, war fester Rahmen, in dem sehr viel mehr möglich war, als in meinem damaligen studentischen Alltag in Potsdam, wie ich befand. Ein weiteres nachhaltiges Erlebnis war das Spinnen von Baumwolle, dass ich hier lernen durfte. Mit meinen Fertigkeiten dauerte es eine halbe Stunde, bis ich lernte den dünnen Faden aus der Baumwollraupe – Puni – fein heraus zu ziehen, dabei zu drehen und den entstehenden Faden dann auf die Spindel/Takli zu wickeln. Die Regelmäßigkeit der Übung, die Wiederkehr des Drehens, den Faden sacht und gleichmäßig aus der Puni zu ziehen, zu drehen, dass sich die losen Baumwollfasern zu einem Faden binden können. Dann den neuen Faden aus der Puni ziehen, im gleichen Rhythmus und in gleichen Bewegungen den Faden aufwickeln und wiederum die Spindel drehen, den Faden ziehen, die Spindel drehen… Mit den Händen zu arbeiten, etwas zu produzieren und gleichzeitig in Ruhe sein zu können, das ist auf der einen Seite eine einfache Tätigkeit und auf der anderen Seite, die Verbindung zum Sein, denn man darf zu Ruhe kommen. Für mich war und ist es eine äußerst meditative Tätigkeit. Dabei zu summen oder ein Mantra zu singen, das ist Meditation. Das funktioniert auch, wenn man Schafwolle spinnt!


Und damit, dass ich mich auf die Suche nach der Stille in meinem Leben begeben habe und in meinen Erinnerungen grabe, finde ich noch so viel mehr Eindrücke, wie mich die Stille streichelte. Das schenkt wahren Reichtum, innere Ruhe und auch ein bisschen Glück.
